Die Anti-Materie Princess of Fucking Darkness,

oder:

Was Hetero-Männer schon immer wissen wollten, aber nie zu fragen wagten


Marcus Ingendaay: "Die Taxifahrerin" Roman; Rowohlt, Reinbek 2003; 350 S., EUR 19,90

Buchvorstellung “Die Taxifahrerin” von Marcus Ingendaay

Link-Sammlung zur Rezension

Marcus Ingendaay ist hauptberuflich Übersetzer, und zwar ein ziemlich guter. Er ist einer der deutschen Übersetzer von postmodernen amerikanischen Literaturgrößen wie dem 1998 verstorbenen William Gaddis ("Die Fälschung der Welt," "JR," "Letzte Instanz" und "Das mechanische Klavier") sowie der großen jungen amerikanischen Literaturhoffnung David Foster Wallace ("Kleines Mädchen mit komischen Haaren," "Kurze Geschichten von fiesen Männern" und "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich"). Ingendaay hat sich insofern ziemlich um die Literatur verdient gemacht, als er diese "schwierigen" Autoren auch jenen deutschen Lesern zugänglich gemacht hat, die sich nicht durch die Originale durcharbeiten mochten. Aber reicht das, um auch selber als Schriftsteller "gut" zu sein? Von erfolgreich sollte man in diesem Zusammenhang besser nicht reden.
 
Hubert Winkels (DIE ZEIT, 23.10.2003) nennt den Roman "schräg." Robin Detje (Süddeutsche Zeitung, 30. Oktober 2003) attestiert dem Werk "magischen Realismus" und vergleicht den Autor mit Salman Rushdie und Don DeLillo. Für Peter Körte (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.10.2003) hat Ingendaay zwar etwas zu dick aufgetragen, stellenweise sei der Roman jedoch brillant. Für den Rezensenten des Rheinischen Merkur ist das Buch ein "bitterer, schräger und cooler Roman mit einer eigenwilligen Hauptfigur für Leser, die es schwarz-abgründig lieben" (Nr. 45, 06.11.2003). Im "Plebs Netzmagazin" beklagt die Rezensentin Brigitte Rohrer, daß der Roman zwar teilweise "abstossend" sei (gemeint sind die Sexszenen), jedoch "gleichzeitig auch eine gewisse morbide Anziehungskraft ausübt, weil man einfach wissen muss, was noch alles mit Chris und ihren Figuren passiert." Abstossend? Nö, da sind wir doch längst ganz andere Dinge gewöhnt.
 
Worum also geht es?
 
Zum einen, natürlich trägt Ingendaay dick auf: seine Heldin Chris entstammt gestörten Familienverhältnissen, ist lesbisch, Analphabetin, fährt vorzugsweise nachts Taxi und ist darum schwerbewaffnet wie Robert de Niro. Allerdings hat Chris es nicht mit dem grossen Kino. Nach der Schicht sieht sie lieber Fernsehen. Sie liebt die Amazonen Fantasy-Serie "Xena" und identifiziert sich mit den vollbusigen, knapp bekleideten Heldinnen dieser Serie, die man getrost in den "post-Conan" Trash einordnen darf und die man als aufgeklärter Mann kaum guten
Gewissens gucken kann.

Ihre letzte Freundin Yve hat sie beklaut, ihr Konto geplündert und sich aus dem Staub gemacht. Deshalb ist Chris in Schwierigkeiten und prügelt, was das Zeug hält, ihren alten Diesel (dessen Motor zu heiss wird und Öl verbraucht) durch Köln. Von den überwiegend männlichen Kollegen des "Kölscher Klüngels" wird sie nicht akzeptiert, sie ist eine Aussenseiterin, empfindet sich selbst als Antimaterie in einem männlichen Universum von für sie tödlicher Materie.  Die Antimaterie ist eine der grossen Geschichten der Naturgeschichte unseres Universums. Erstmals zu Beginn der dreissiger Jahre theoretisch nachgewiesen, ist sie das exakte Spiegelbild unserer "normalen" Materie. Wo unser Atom im Kern positiv und in der Schale negativ geladen sind, ist es bei der Antimaterie genau umgekehrt, das Proton im Kern ist negativ und das Elektron in der Umlaufbahn um den Kern ist positiv geladen. Es ist logisch, dass sich Materie und Antimaterie gegenseitig annihilieren, wenn sie aufeinander treffen. So geschehen als sich, in unserem Universum jedenfalls, die Quarks gegenüber den Anti-Quarks einfach aufgrund ihrer grösseren Anzahl durchsetzten. Deshalb geht man heute davon aus, dass sich in unserem Universum kaum Antimaterie erhalten hat, während es ältere Theorien gibt, die durchaus nicht ausgeschlossen haben, dass sich irgendwo im Universum ganze Antimateriegalaxien gebildet haben könnten. Vielleicht keine Galaxien, aber ein paar Partikel wird es hier und da doch geben. So wie Chris.
 
Erzählerisch stellt diese anti-Perspektive der "Heldin" Chris die einzige Erzählperspektive des Romans dar. Anstelle des gewählten auktorialen (allwissenden) Erzählers hätte der Autor auch die Ich-Erzählform wählen können. Bevor man als Leser merkt, dass der männliche Autor seine Hauptperson Chris als lesbische Frau gestaltet hat, runzelt man wegen der gewählten Sprache durchaus das eine oder andere Mal die Stirn.
Chris sitzt in mächtigen Schwierigkeiten. Ihr Analphabetismus macht ihr spätestens dann zu schaffen, als ihr eine taubstumme Frau die gewünschte Adresse nur auf einem Zettel zeigen, nicht aber nennen kann. Ihre gesellschaftliche Isolation ist fast total. 
Selbst ihre Mutter bügelt Chris am Telefon ziemlich barsch ab, als sie um Hilfe bittet. Lediglich einer ihrer Kollegen, der freakige "Cajun Coyote," ebenfalls ein Aussenseiter, hat begrenzten Zugang zu Chris und hält zu ihr, als sie von den Kollegen gemobbt wird. Aber Chris hat solide astronomische Kenntnisse und orientiert sich mit Hilfe des Sternenhimmels als Analphabetin in einer Stadt mit 6000 Strassen. Das Galaktische Wo-Geht-ab-Buch für Köln. Wunderbar!

"Schau in den Nachthimmel. Vom Bekannten zum Unbekannten, über Virgo zum Haar der Berenike." (10) Die Virgo ist natürlich die Jungfrau und Coma Berenices ist das erste Sternbild, dessen Entstehungsjahr (247 v. Chr.) bekannt ist. Es wurde von dem griechischen Astronomen Konon von Samos eingeführt. Seinen Namen verdankt es der ägyptischen Königin Berenike, die der Göttin der Liebe Aphrodite einst, versprach, ihr prachtvolles Haupthaar zu opfern, wenn die Göttin dafür sorgen würde, dass ihr Gemahl unversehrt aus dem Krieg gegen die Assyrer heimkehren würde. 

Überzeugt von der Existenz des Bösen kämpft Chris ihren eigenen Kampf gegen die Widrigkeiten der Existenz, wenn die Dinge einfach schieflaufen. Ihr Weltbild hat sie, die Nicht-Leserin, dem Fernsehen entlehnt, genauer, der Fantasy-Amazonen Serie "Xena -- Die Kriegerprinzessin." Xena, gespielt von Lucy Lawless, verdankt ihren Beinamen ihrer dunklen Vergangenheit, in der sie als brutale Kriegsherrin ganze Nationen das Fürchten lehrte. Aber diese Zeiten sind vorbei: die Kriegerin hat ihr Leben radikal geändert und kämpft nun für das Gute. Doch dabei wird sie immer wieder von ihrer dunklen Vergangenheit eingeholt. Nicht zuletzt dank der Hilfe ihrer Freundin und Weggefährtin Gabrielle (Reneé O'Connor), gelingt es Xena immer wieder, diesen Gefahren zu entkommen..."
 http://www.moviefans.de/a-z/x/xena/
Schon in der Begegnung der beiden Hauptfiguren verbindet Ingendaay literarische Hochkultur und Trash, Literatur und Fernsehen, Fernsehen und Film. "Xena" muss man nicht gesehen haben, aber als einzige Quelle für Normen und Werte auf unsere Gesellschaft angewandt ist schon ein wenig schräg. Als würde man als realer Taxifahrer Polizisten unisono als die dunklen Schergen Saurons ansehen.

Wenn man sich selber als isoliertes Antiteilchen empfindet, ist es kein Wunder, dass man sich von anderen ebenfalls Aussenseitern inspirieren lässt. Und so begegnet Chris auf einem ihrer nächtlichen Streifzüge Gudrun, der mysteriösen schönen Geschäftsfrau mit Geld, vielleicht ein wenig abgedreht, auf den ersten Blick jedoch auch nicht mehr als der Durchschnitt einer gewissen Nachtschicht-Clientele zu einer bestimmten Uhrzeit. 

Geschickt dreht Ingendaay hier die Rollen von Robert de Niro und Jodie Foster aus Martin Scorceses "Taxi Driver" (1976) um, den er nach eigener Aussage wohl dreissig mal gesehen hat. Aus dem einfachen, rauhen Vietnam-Veteranen wird die toffe "crossdressed" Chris, die sich nicht einmal die Haare schneiden müsste, um bei den Marines ausgenommen zu werden. Und aus der schutzbedürftigen minderjährigen Prostituierten wird bei Ingendaay die nicht weniger schutzbedürftige, aber tödlich gefährliche, psychisch labile Gudrun. Zugleich aber ist sie Thomas Pynchons "V" (1961), jene mysteriöse Fremde aus dem Erstlingswerk des grossen amerikanischen Unbekannten, deren wahre Identität nie enthüllt wurde. Aber sie ist zum Teil auch Frenesi aus Pynchons "Vineland" (1984), die ihre Freunde und die "Bewegung," jene amerikanische Gegenkultur der sechziger Jahre, verraten hat, weil sie besessen von den uniformierten Männern war.

Aber das kann Chris natürlich alles nicht wissen, denn sie liest ja keine Bücher. Ein klarer Hinweis auf Gudruns Gefährlichkeit, den Chris erkennen könnte, ist hingegen das Lieblingsbuch Gudruns, Stephen Kings "Christine," das diese dreizehn Mal gelesen hat und vierzehn Mal besitzt, weil sie es sich immer wieder neu kauft, wenn es "zerbeult und zerknittert" ist -- ganz wie das tödliche Auto Christine in Kings Roman und dem danach gedrehten Film, das über seltsame Selbstheilungskräfte verfügt. 

Gudrun hilft Chris aus den unmittelbaren Geldsorgen heraus, indem sie ihre Mietschulden bezahlt und sorgt zudem dafür, dass Chris beginnt, Lesen zu lernen. Wegen ihrer psychischen Labilität ist sie jedoch unzuverlässig, und als sie verschwindet, fällt Chris in ein tiefes emotionales Loch. Als sie dann wieder auftaucht, ist die Katastrophe bereits eingetreten, und Chris hat keinerlei Möglichkeiten mehr, sich erfolgreich zur Wehr zu setzen.

Dass es zur Katastrophe kommt, erscheint unausweichlich, und man wartet als Leser regelrecht darauf, in welcher Form Gudrun denn nun abdrehen wird. Chris aber verrät ihre Freundin nicht, selbst als alles vorbei ist. So viel sei immerhin verraten, dass sie einigermassen heil aus der Sache rauskommt, denn als Antiteilchen kann sie natürlich nicht durch ein anderes Antiteilchen wie Gudrun vernichtet werden. Sie ist aber auch nicht imstande, aus den vorgefallenen Ereignissen zu lernen. Am Ende wird ihr einfaches Gut & Böse-Weltbild durch die Episode mit Gudrun kaum erschüttert: "(...) manchmal frage ich mich, welcher Blödmann mich in diese Serie über den Kampf gegen die Kräfte des Bösen reingeschrieben hat, wo immer eines zum anderen führt, bis man sich total verheddert hat, wie es in echten Filmen nie vorkommt. Als wäre ich dauernd im falschen Film. Diese Serie hat überhaupt nur ein Gutes: dass ich offenbar nicht nur zum Sterben darin bin, bloß für eine Episode, sondern dass es weitergeht." (350)

Zur heldischen Unsterblichkeit kann ich nur Sebastian Kemper (Webmaster der deutschen Xenafan Seite) zitieren, der sagt: "Wenn man sich nur daran erinnert, dass Xena bei den trojanischen Kriegen dabei war, in Korinth gekämpft hat, dass sie Caesar gekannt hat, dass sie Goliath (den Riesen aus der Bibel) gekannt hat, dass sie Odysseus geliebt hat und dass sie an vielen anderen eindeutig datierten Ereignissen in der europäischen Geschichte teilgenommen hat, die zeitlich so weit auseinander liegen, dass sie nie in einem Leben hätte überall dabei sein können."

Als Taxifahrer hätte ich mir vielleicht mehr über das "Gewerbe" gewünscht, aber Marcus Ingendaay war nie Taxifahrer, sondern hat Rettungswagen gefahren und kennt die Schattenseiten unserer Gesellschaft aus dieser, dem Taxiwesen durchaus verwandten Perspektive.

Ob ich den Roman uneingeschränkt für langweilige Taxischichten empfehlen kann, weiss ich nicht so recht. Er ist sicherlich nicht für jeden Leser etwas. Mir hat er gefallen, aber ich lese ja auch gewohnheitsmässig schwere Bücher -- womit ich nicht gesagt haben will, dass dieser Roman schwer zu lesen sei. Wer allerdings einen Thriller wie "Christine" erwartet, wird sicherlich enttäuscht werden. Man merkt Ingendaay schon an, dass er ansonsten "schwere" Autoren übersetzt und von diesen auch in seiner eigenen Literatur beeinflusst ist. Seine Dialoge sind wirklich gut, aber wenn jemand so gut ist, dass er William Gaddis übersetzen kann, wundert es mich nicht, dass er auch in seinen eigenen Texten gelungene Dialoge zustandebringt. Daumen also hoch. 
Otto Sell

Zusätzliche Links:

Perlentaucher
http://www.perlentaucher.de/buch/15671.html

Rowohlt Magazin
Literatur meets Trash TV: Interview mit Ingendaay
http://www.rowohlt.de/magazin/22523

ein Bild von Marcus Ingendaay
http://www.literaturhaus-stuttgart.de/index2.html

Kaliber 38: Krimis im Internet
http://www.kaliber38.de/neu/0903/rowohlt.htm

Köln, Sex und Videoclips: Marcus Ingendaays Roman "Die Taxifahrerin" erzählt ziemlich schräg die unglückliche Liebesgeschichte zweier Frauen, von Hubert Winkels, DIE ZEIT, Nr. 44, 2203:
http://www.zeit.de/2003/44/L-Ingendaay

David Foster Wallace:
"Kleines Mädchen mit komischen Haaren"
http://www.perlentaucher.de/buch/5689.html

Deutsche Xenafan Seite:
http://tv.freepage.de/cgi-bin/feets/freepage_ext/41030x030A/rewrite/xenafan/index2.htm

Crossdressing
http://crossdress.transgender.at/

auf English:
"Lesbian Subcultures and Popular Cinema," by Paula Graham
Chapter One: Urban Amazons: Cinema And Lesbian Visibility
http://home.clara.net/pgraham/book/lespop04.htm

Das Haar der Berenike:
http://www.muenster.de/~c-s/astronomie/astrcom.htm
http://www.sternenhimmel-aktuell.de/Hauptseite.htm

Virgo:
http://www.muenster.de/~c-s/astronomie/astrvir.htm

 

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