25.03.10

Aus dem Rahmen gefallen

Verurteilung nach Jugendstrafrecht nicht unumstritten

√úberraschung am fr√ľhen Morgen: Wolfgang Schmidt, der Anwalt der als Nebenkl√§gerin auftretenden Delmenhorster Taxifahrerin im Oldenburger Taximord-Fall, machte sich in seinem Pl√§doyer als einziger der Vortragenden f√ľr die Anwendung des Erwachsenenstrafrechts stark. 

Zuvor hatte Staatsanwalt Andreas Sommer alle Indizien und eine zeitliche Rekonstruktion des ersten Tattags vorgelegt. DNA-Spuren des Angeklagten an Messer und gefundener Kleidung, das Wiedererkennen der Bekleidung durch etliche Zeugen seien starke Indizien f√ľr die T√§terschaft des Angeklagten. Die Mordmerkmale Habgier und Heimt√ľcke seien gegeben. Der T√§ter sei laut Gutachten zur Tatzeit voll schuldf√§hig gewesen. Weil es Anhaltspunkte f√ľr eine mangelnde Abkopplung vom Elternhaus gebe, vor allem in monet√§rer Hinsicht, beantragte Sommer 10 Jahre Jugendstrafe, den Maximalwert. Abschlie√üend wies er darauf hin, da√ü ein Erwachsener in gleicher Lage mit lebenslanger Haft rechnen m√ľ√üte.

Die Anw√§ltin der als Nebenkl√§gerin beteiligten Witwe des Oldenburger Taxifahrers, Kisten Eicher, schlo√ü sich den Ausf√ľhrungen des Staatsanwalts weitgehend an. Sie wies darauf hin, da√ü der Angeklagte sich im Oldenburger Fall nicht einmal durch zwei unerwartete St√∂rungen durch Passanten und Nachbarn von seinem geplanten Raub habe abhalten lassen. Der Angeklagte sei der M√∂rder des Taxifahrers, das habe die Beweisaufnahme gezeigt. Unter Ber√ľcksichtigung der Entwicklungsdefizite sei eine 10j√§hrige Jugendstrafe tat- und schuldangemessen. Die Angeh√∂rigen des erstochenen Taxifahrers h√§tten ein Recht darauf zu erfahren, was genau passiert sei. Sie bedauerte, da√ü dem Angeklagten der Mut gefehlt habe, hier reinen Tisch zu machen.

Wolfgang Schmidt, der Anwalt der als Nebenkl√§gerin auftretenden Delmenhorster Taxifahrerin, kritisierte das psychologische Gutachten. Er finde es nicht √ľberzeugend, die Gutachterin habe das Aggressionspotential nicht genau genug aufzeigen k√∂nnen. Schmidt postulierte: ‚ÄúDer Angeklagte ist ein Erwachsener.‚ÄĚ Er habe eine eigene Lebensplanung betrieben, an Beruf, Partnerschaft, Familie und Wohnung gedacht. Auch die Geldverwaltung durch die Eltern spr√§che nicht dagegen. Er habe seinen Alltag realistisch bew√§ltigt und sei kein Tagtr√§umer. Der Angeklagte habe dennoch brutale Taten begangen. Die Forderung k√∂nne daher nur auf ‚ÄúLebenslang‚ÄĚ nach Erwachsenenstrafrecht lauten.

Der Anwalt des Angeklagten, R√ľdiger Bibow, verwies in seinem Pl√§doyer darauf, da√ü sein Mandant die zweite Tat vollumf√§nglich gestanden habe. Dieser √úberfall sei nicht nach Plan verlaufen, vielmehr habe sich die Flucht chaotisch gestaltet. Die Verletzungen der Fahrerin habe er in Kauf genommen, aber nicht bedacht, da√ü sie den Tod zur Folge haben k√∂nnten. Damit liege nicht ein Mordversuch vor sondern r√§uberische Erpressung in Verbindung mit gef√§hrlicher K√∂rperverletzung. An die Tat in Oldenburg wolle der Angeklagte sich nicht erinnern oder k√∂nne es nicht. Er habe die Auseinandersetzung mit der Tat durchgehend verweigert. Diese Blockade k√∂nne man nicht ohne professionelle Hilfe l√∂sen. Der Angeklagte sei kein typischer Straft√§ter sondern ein √ľberforderter Junge. In einer Ausnahmesituation habe er Gewalt gegen andere ausge√ľbt statt gegen sich selbst. Bibow sprach sich daf√ľr aus, den Gef√§ngnisaufenthalt therapeutisch zu begleiten. Zudem sei es sinnvoll, wenn der Angeklagte seine Berufsausbildung dort weiter fortf√ľhren k√∂nne. Sonst k√∂nne er den angerichteten Schaden nach seiner Entlassung niemals gutmachen. Bibow sah die Oldenburger Tat nach wie vor nicht als zweifelsfrei nachgewiesen an. Sollte das Gericht die Tat dennoch als belegt werten, k√∂nne es nur um Raub und nicht T√∂tung des Fahrers als Ziel gehen. Denn w√§re der Angeklagte der berechnende T√§ter, als der er vor Gericht dargestellt werde, dann w√§re er seiner Ansicht nach nicht ohne die Geldb√∂rse des Fahrers geflohen. Bibow beantragte ein Strafma√ü am unteren Rahmen.

Der Angeklagte entschuldigte sich im Anschluß bei der Delmenhorster Taxifahrerin. Der Witwe des getöteten Taxifahrers sprach er sein Beileid aus. Er könne sich jedoch bei ihr nicht entschuldigen, weil er sich nicht an die Tat erinnere.

(jr)

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