Herzliches Beileid

“Kein Motiv fĂŒr Taxi-Mord” lautete eine Schlagzeile der taz bremen vom 3.Februar, die mich ĂŒber die Info hinaus, zunĂ€chst schmunzeln ließ. Logisch, daß dies nur bedeuten konnte, daß ein Kollege Opfer eines Kapitalverbrechens geworden war, doch mir stand der Kopf nicht nach bedauern und dergleichen. Egal!

Rumspinnen war es, was ich wollte. Und so stellte ich mir, dem Titel entsprechend, einen kurzsichtigen, Pepita-Hut tragenden Irren aus Westerstede vor, der seinen Opel Ascona ohne Sinn und Verstand zunĂ€chst durch die Bremer City und dann in eben jenes Taxi steuerte, dessen vormals vorbildliche Verstrebungen, Bleche und Versteifungen, nun gar nicht mehr vorbildlich waren. Totalschaden. Und wĂ€hrend das HĂ€ufchen Elend Mercedes langsam in der AnonymitĂ€t einer gleichwohl - mangels gelber Seiten - anonymen Schrottpresse verschwomm, endete vorlĂ€ufig der Trip ins Humoristische, und mehr und mehr entstand vor geistigen Augen das Bild des 62 Lenze zĂ€hlenden, ermordeten Bremers. SchĂŒtteres, kurzes, graues Haar, ein ebensolcher, jedoch nicht schĂŒtterer Vollbart, Brille mit runder Metallfassung, hagere Gestalt. So oder anders mĂŒĂŸte er ausgesehen haben, ohne dem Gepiesackten wahrscheinlich und wissentlich ganz bestimmt, jemals begegnet zu sein. Macht nichts!

Waren es bis zu seiner Pensionierung als PostbĂŒttel die Beisserchen grazieler bis grobschlĂ€chtiger, kleiner bis großer, junger bis alter KlĂ€ffer, denen Einschreiben und Standardbriefe schnurzpiepe waren, stattdessen mit Wonne an lecker Storchenbeine dachten, liebĂ€ugelte nun einer seiner ĂŒbleren Zeitgenossen nach seinem Torso und stach hinten sitzend auf das werdende Opfer ein. Tot war er also, nichts mehr zu machen. Verblutet vor irgendeinem, beschissenen Haus, zu dem er sich noch hatte schleppen können. Ende der Fahnenstange, alles auf Halbmast, anstandshalber!

Was das soll? Keine Ahnung, und recht wissen, weshalb ich eigentlich mitfĂŒhlen muß, kann ich und wohl auch niemand sonst sagen. PietĂ€tlos? Schon möglich. Doch jede Agonie, und sei es meine eigene, jede Momentaufnahme einer weiteren Inszenierung psychischen Terrors, polit-ideologischen, als auch sozialen Ursprungs, lĂ€ĂŸt weniger Spielraum, Empfindungen zu nöten, mich gleichgĂŒltiger gegenĂŒber, und somit Teil der Gewalt werden.

Aber er war doch ein Kollege! Das ist wahr. Wahr ist aber auch, daß dieser Umstand als Grund allein kaum herhalten kann, um loszuheulen, schließlich habe ich den Kerl nicht gekannt. Kondolieren kann sich der liebe Edgar folglich sparen. Keine Bittermiene, kein Trauerflor oder, um es mit Bukowski zu sagen: “Tote brauchen keine Blumen.”
(es)

 

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