Auf meinem Weg zur Schicht

Es regnet, die Zeit  lähmt ins Jetzt. Kann sie nicht ertragen und schluck sie doch. Menschen hasten durch die Nässe, meine Iris, verschwinden in dem Nichts, aus dem sie kamen. Vom Stadtsüden heulen Einsatzsirenen herüber, keine Ahnung, was da läuft.

Verloren stehe ich am Fenster, nackt, ziehe an einer Lucky ohne, am lustlosen Sein, der Suche nach einem Halt, einen Sinn im Sinnlosen vertrauter Illusionen, kein Genuß.  Illusionen, die daran erinnern, daß Ideale austauschbar sind, sein müssen. Vielleicht ist die Existenz zu banal, als daß man von leisen Märchen berührt werden könnte. Bunte Trips in die Seelen der Ichs, voll  Wärme, voll Intensität. Hier jedenfalls ist es eine Flucht, eine Flucht vor den eigenen Taten. Taten, die die Phantasien auf den Böden der Tatsachen verstauben, die nur die Sehnsüchte lassen, als Punkte, an  denen alles egal ist, alles profan. Die Hoffnung ist wie eine Reise nach Jerusalem, bei der aus Prinzip der Stuhl fehlt, der deinen Arsch retten könnte, um dich verlieren zu lassen, weil die Welt Sieger  braucht. Organismen, die kollabieren, geschlossene Gesellschaften, deren Mitleid Selbstmitleid ist, blasse Paranoia vor entrückten Gestalten einer verwöhnten Plastikepoche. Ich exhaliere, verbrauchter Qualm erstickt den Raum.

Mein Blick schweift ab, an mißlungenen Blocks hinauf zum Horizont. Ein Schleier aus Melancholie verhüllt die Stadt, sensibel. Die Liebe ist gegangen, der Februar müht still. Rauch  wabert in meine Augen, im Radio läuft Barbers Adagio, Opus 11.

Drüben, auf der anderen Seite der 28 kreisen Möwen über der Halde, kreischen. Unten stürzt einer dieser E.-Haunhorst-Slawen durch die  Wohnanlage, schleppt Gelbe Säcke. Gleich wird er zurückkommen, um keusches Abendlandgrün von Coca-Cola und McD´s Insignien zu säubern. Irgendwie war alles anders geplant. Willkommen im Westen.

Ich  steige in ein Paar Socken, meine Unterhose, rück die Eier zurecht, zieh die Levi´s hoch und einen Pulli über. Aus einer Pfütze ragt Hundescheiße, kalt glänzend. Alles ist mit einer Klarlackschicht aus Regen  überzogen. Regen, der von den Scheiben perlt und einsam schimmernd auf die Simse trieft in einem Moment der Unendlichkeit.

Draußen lauern schon die Charaktere der Jeckylls und Hydes, hell und dunkel, verführen in die Wandlungen der Sonnenstudios und Einkaufszentren, all die Nöte, benutzen ihre Opfer, spucken sie aus, wie den Penner, der seine Platte gleich neben einem Lüftungsschacht am Lieferanteneingang eines aktiv-Marktes aufschlägt und an Alk denkt, bevor der Schlaf ihn träumen läßt.

Ich nehme einen weiteren Zug an der Lucky, schnüre meine CATs, exhaliere, ertränke die Kippe in  einer Schlagsahneflasche, schalte Barber ab, schnappe mir den Rucksack und verlasse meine Bude, während im Caritas-Stift vergessene Alte den Tag verstreichen lassen, indem sie auf Besuch warten, der nie  kommen wird.

Der Regen prasselt gleichmäßig, ohne Böen, was ihn mir zumindest heute sympathischer macht. Ich latsche die Schützenhof hoch, vorbei an Hecken und Zäunen, verschlossenen Türen, hinter denen Vorabendserien die Verfallsdaten der Beziehungen kaschieren, das Schweigen lindert. Ich frage mich manchmal, ob sich das Fernsehen an der Realität orientiert, oder die Realität das Ergebnis dessen ist,  was wir am Abend zuvor in der Glotze gesehen haben. Abgefuckte Monodialoge vor Cinemaxx-Palästen, MTV-gestylte Pop-Ikonen mit übergroßen 70er-Jahre-Sonnenbrillen in Linienbussen und das pasteurisierte  Seifenoperfamilienidyll der Außenbezirke. Eine Happy End traumatisierte American-Way-Of-Life-Republik, eine US-Kopie per Marshall-Plan, Phrasen, die ruhigstellen sollen, weil die Wahrheit ihre Lügen längst  entschuldigt hat. Und irgendwo bellt ein Hund.

Es dämmert bereits und die Vielfalt der Lichter bricht in kristallenen Tropfen, blitzt auf, fällt und verschwimmt in Rinnsälen, die im Labyrinth der  Kanalisation scheinbar enden. Ich latsche durch den Wechsel, das Spiel der Kräfte, das niemals entschieden wird, nicht jetzt, nicht gleich.

Ich latsche weiter, weiter ins Gestern, meine Fehler,  Eitelkeit, Arroganz. Zertrete mein Spiegelbild in Pfützen, ohne sie als auch mich wirklich kaputt kriegen zu können. Schon komisch, daß man nicht mal annähernd das Bedürfnis hat, ständig kotzen zu müssen.

Ich blicke die Straße entlang, eine abgestandene Comedy einer spärlich besetzten Hotelbar in Atlantic City, bei der das Entertainment plump ist und das Publikum müde.

Konturlose Fratzen, die in meine Psyche drängen, Radfahrer, die im letzten Augenblick wegschauen, Stereotypen in sterilen Autos. Doch wenn man genau hinsieht, wenn man genau hinhört, erzählen sie von ihrem Leid, warnen vor den  Leasingraten, den Bürojobs in den Karrierewarteschleifen überregionaler Bankgesellschaften, den privaten Altersvorsorgen, Bausparverträgen, Lebensversicherungen und der neuen Ausgabe von Schöner Wohnen. Morgen ist Elternabend, komm bitte pünktlich, Schatz. 40 Jahre schwanzlutschen gelungener Langeweile. Dieses klägliche Rollenspiel aus Zwängen und Gründen, bemüht um Ansehen, Reputation. Dieser Amok (sprich Amok einmal rückwärts und dich beschleicht eine sonderbare Erkenntnis) des Müssens, diese ewige Wiederkehr, dieses Hin und Zurück. Lemminge, die nicht kapieren, daß Abgründe tief sind, und die Ziele nur  größere Dogmen waren.

Der Regen hat nachgelassen und ich gehe links herum in die Anton-Günther. Die Häuser rücken näher an den Fußweg heran und spenden Trost nach der Kälte der Routine, die ich nicht verschone. Wie immer böckel ich in Höhe der 11 schräg über die Straße zur anderen Seite, um einige Meter später in die Ekkard zu gelangen. Sie macht auf mich stets den Eindruck, als könne sie es nicht  ertragen, belanglos zwischen der Cloppenburger und der Schützenhof zu schlummern und aus Trotz mit ihrem Sammelsurium aus öffentlichen Gebäuden und privaten Vermächtnissen, lieber das Ziehkind einer kleinen  Gemeinde wäre, die achtlos in einer Gedächtnislücke verborgen liegt und darauf hofft, daß kein Chirurg ein neues, ein besseres Bulletin erstellt, das sie entfremden würde, nachdem der Assistenzarzt die  Kanüle angeschlossen und das Skalpell angesetzt hat.

Manche Dinge sollten so bleiben, wie sie sind. Manchmal sollte man sich einfach nicht mehr bewegen und auf blöd machen, sollen doch die Anderen die  Sache in die Hand nehmen und bestimmen, was das Beste ist. Drei Mahlzeiten am Tag, massenweise Pillen, nette Therapeuten und vom Zivi in einem Gang bei Galeria Kaufhof mit einem Bin-gleich-zurück abgestellt werden. Man würde mit irrer Mimik in die Runde schauen, die Leute umzu ignorieren, lüstern an einer Schaufensterpuppe verharren, die Dessous vorführt und das Erstemal im Leben einen Abgang haben, ohne zu  wissen warum, ohne sich schämen, anstrengen oder gut sein zu müssen. Es würde eben passieren.

Ich erreiche den Osternburger Marktplatz, überquere ihn und gehe die Bremer herunter in Richtung Cäcilienbrücke. Von hier aus sind es noch ein paar Schritte bis zur 27. Vier Taxen stehen dort, vor der Z, und ich werde nicht mehr allein, werde bei meiner Familie sein, wie ich den Sauhaufen gerne nenne.  Mit Freunden und Wenigen, die ich nicht mag, die Zeit scheißelabernd totschlagen. Den Alten zuhören, den Roger Schefes und Erol Akins, die bei Siemenroth vermutlich Hans Wilken und Johann Kloster hießen.  Würde mir ihre Geschichten von früher, als alles besser war - auch wenn vieles erst durch die Erinnerung dazu wird - ausmalen. Werde sieben, acht Gesichter, wie Slavek 31 sie bedauert, von A nach B  begleiten. Später am Waffenplatz die Kultfiguren, die Klempner, Entenkiller und Bombenleger cafesieren sehen, zu Horst 113 Nosofsky in dessen wundervolles Varieté steigen und mich in seine Welt taumeln lassen. Werde so um eins die Segel streichen, noch ein bißchen im Fahrerraum abhängen und dann nach Hause gehen. Die Nacht wird still sein, unterbrochen vom Dieseln elfenbeinfarbener Feen, es wird regnen und vielleicht, aber nur vielleicht, werde ich an den Spruch denken, der vor Jahren an der Tür zum Schwesternzimmer von K 6 hing: “Und aus dem Chaos sprach eine Stimme zu mir, lächle und sei froh darüber, alles könnte noch viel schlimmer kommen. Und ich lächelte, und ich war froh, und alles kam noch viel schlimmer.”
(es) 

 

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